Einleitung
von Timothy Keller

Frage 1: Was ist das höchste Ziel des Menschen?
Antwort: Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.

Frage 2: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Antwort: Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.

Mit diesen Worten beginnen der Westminster Katechismus und der Heidelberger Katechismus. Sie spiegeln sich in den Glaubensbekenntnissen vieler Gemeinden wider. Wir kennen sie aus Predigten und Büchern. Doch die meisten Leute wissen nicht, woher diese Worte stammen und haben sie höchstwahrscheinlich nicht als klassischen Katechismus auswendig gelernt, obwohl sie ursprünglich dafür gedacht waren.

Heute veröffentlichen viele Gemeinden und christliche Werke ein „Glaubensbekenntnis“, in dem sie die Eckpunkte ihres Glaubens festhalten. Doch in der Vergangenheit war die Erwartung an solche Dokumente, dass sie so von der Bibel getränkt und so sorgsam formuliert waren, dass man sie auswendig lernen konnte und sie für den Unterricht und das Wachstum im christlichen Glauben geeignet waren. Sie wurden in Form von Fragen und Antworten verfasst und als Katechismus bezeichnet (abgeleitet vom griechischen Wort katechein, was „mündlich unterrichten, unterweisen, belehren” bedeutet). Der Heidelberger Katechismus von 1563 und der Kürzere und der Längere Westminster Katechismus von 1648 gehören zu den bekanntesten Katechismen und dienen heute noch vielen Gemeinden weltweit als Glaubensgrundlage.

Eine Praxis, die in Vergessenheit geraten ist

Die Katechese ist heutzutage, insbesondere unter Erwachsenen, nahezu in Vergessenheit geraten. Heutige Jüngerschaftsprogramme legen den Schwerpunkt häufig auf Bibelstudium, Gebet, Gemeinschaft und Evangelisation. Glaubenslehre wird dabei häufig nur oberflächlich behandelt. Die klassischen Katechismen führen uns jedoch durch das Apostolische Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote und das Vaterunser: eine ausgewogene Mischung aus biblischer Theologie, praktischer Ethik und geistlicher Erfahrung. Außerdem sorgt das Auswendiglernen des Katechismus dafür, dass uns die Konzepte noch tiefer ins Herz dringen. Anders als bei den üblichen Jüngerschaftskursen müssen wir die Inhalte hier wirklich lernen und beherrschen. Das Frage-Antwort-Muster führt ganz natürlich zu einem interaktiven Lernprozess im Dialog.

Kurzum, die Katechese soll keine Einzelbeschäftigung sein, sondern eine gemeinschaftliche Übung. Eltern können mit ihren Kindern den Katechismus einüben. Gemeindeleiter können neuen Gemeindemitgliedern kürzere Katechismen beibringen, sowie neue Leiter mit längeren Katechismen ausbilden. Katechismen lassen sich vielfältig einsetzen: Die Fragen und Antworten können auch im Gottesdienst eingebunden werden, sodass die Gemeinde gemeinsam als Leib Christi ihren Glauben bekennen und Gott preisen kann.

Da die Katechese in Vergessenheit geraten ist, „kennzeichnen evangelikale Gemeinden heute allzuoft ein oberflächliches Halbwissen der Wahrheit, verschwommene Vorstellungen von Gott und Gottesfurcht, Gedankenlosigkeit im Blick auf die Fragen des Lebens wie Arbeit, Umfeld, Familie, Gemeinde“.[1]

Warum ein neuer Katechismus?

Es gibt viele wunderbare, klassische und bewährte Katechismen. Warum sollte man dann überhaupt einen neuen schreiben? Manche werden auf jeglichen neuen Katechismus skeptisch reagieren. Doch die wenigsten sind sich heute noch bewusst, dass es früher normal, wichtig und erforderlich war, regelmäßig neue Katechismen für verschiedene Zwecke zu verfassen. Das klassische anglikanische Gebetsbuch (Book of Common Prayer) beinhaltete einen Katechismus. Die Lutheraner hatten Luthers Großen und Kleinen Katechismus von 1529. Obwohl die schottische Kirche bereits Calvins Genfer Katechismus von 1541 und den Heidelberger Katechismus von 1563 hatte, entstanden dort 1581 Craigs Kleiner Katechismus, 1595 Duncans Lateinischer Katechismus, 1644 der Neue Katechismus, bevor sie schließlich den Westminster Katechismus übernahm.

Der Puritaner Richard Baxter, der im 17. Jahrhundert Pastor in der Stadt Kidderminster war, wollte die Familienväter in seiner Gemeinde systematisch ausbilden, damit sie ihre Familien im Glauben lehren konnten. Also schrieb er seinen eigenen Familienkatechismus, der auf seine Gemeinde zugeschnitten war und den Leuten zeigte, was die Bibel zu den verschiedenen Themen und Fragen zu sagen hatte, die sie damals beschäftigten.

Katechismen wurden aus mindestens drei Gründen geschrieben: Erstens sollte eine umfassende Auslegung des Evangeliums gegeben werden: Ein Katechismus sollte nicht nur klar und deutlich das Evangelium erklären, sondern auch die Bausteine, die Grundlage für das Evangelium sind, z. B. die biblische Lehre von Gott, von der menschlichen Natur, von der Sünde usw. Zweitens sollte diese Auslegung auf Irrlehren, Fehler und Irrglauben eingehen, die zu der Zeit in der Gesellschaft verbreitet waren und diesen entgegenwirken. Drittens sollte ein Katechismus der Gemeinde helfen, sich von der übrigen Gesellschaft zu unterscheiden als Gottes ausgesondertes Volk: eine Gegenkultur, die Christus nicht nur im Leben des Einzelnen widerspiegelte, sondern im gemeinsamen Leben der ganzen Gemeinde.

Alles in allem erklären diese drei Gründe, warum es sinnvoll ist, neue Katechismen zu schreiben. Unsere Auslegung des Evangeliums muss in Einklang mit den älteren Katechismen sein, die treu an Gottes Wort ausgerichtet waren. Doch Kultur und Gesellschaft verändern sich und so auch die Fehler, Versuchungen und Kampfansagen an das unveränderliche Evangelium. Die Gemeinde muss auf diese Dinge vorbereitet sein und Antworten parat haben.

Gliederung des New City Katechismus

Der New City Katechismus umfasst nur 52 Fragen und Antworten. Zum Vergleich: Der Heidelberger Katechismus hat 129 und der kürzere Westminster Katechismus hat 107 Fragen und Antworten. Es gibt also nur eine Frage pro Kalenderwoche. So lässt sich der Katechismus gut übers Kirchenjahr verteilen und ist auch für Leute mit einem vollen Terminplan machbar.

Der New City Katechismus beruht auf Calvins Genfer Katechismus, dem Kürzeren und dem Längeren Westminster Katechismus und in besonderem Maße dem Heidelberger Katechismus. Auf diese Weise bekommen die Leser einen kleinen Anteil an den Reichtümern und Einsichten aus dem Spektrum der großen Katechismen der Reformationszeit. Der New City Katechismus will dazu ermutigen, dass wir uns mehr mit diesen historischen Katechismen auseinandersetzen und Katechese zu einem festen Bestandteil unseres Lebens machen.

Der New City Katechismus ist in drei Teile gegliedert. So kann er leichter in Blöcken gelernt werden und auch für hilfreiche Sinnabschnitte ist gesorgt:
Teil 1: Gott, Schöpfung und Sündenfall, Gesetz (20 Fragen),
Teil 2: Christus, Erlösung und Gnade (15 Fragen),
Teil 3: Gottes Geist, Wiederherstellung und Wachstum in der Gnade (17 Fragen).

Wie bei den meisten traditionellen Katechismen wird jede Frage von einem Bibelvers begleitet. Außerdem folgen jeweils ein kurzer historischer Kommentar, der aus den Werken oder Aussprüchen eines Predigers aus der Vergangenheit zusammengestellt ist, sowie ein Kommentar eines zeitgenössischen Predigers. Die Kommentare regen zum weiteren Nachdenken und Reflektieren über das jeweilige Thema an. Jede Frage endet mit einem kurzen Gebet, das eigens für den New City Katechismus geschrieben wurde.

Die Verwendung veralteter Sprache

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die veraltete Sprache in einigen der historischen Kommentare dem Leser den Zugang erschwert. Doch die Sprache der Originaltexte wurde dort bewusst beibehalten, soweit das möglich war. Wenn sich Leser bei J. R. R. Tolkien über die teilweise veraltete Sprache in seinen Büchern beschwerten, antwortete er oft, dass Sprache kulturelle Werte enthält und seine Verwendung älterer Formen keine Nostalgie bedeutete, sondern aus Prinzip geschah. Er war davon überzeugt, dass ältere Sprache ältere Lebensweise vermittelt, die von moderner Sprache nicht gleichermaßen vermittelt werden kann, weil sie mit modernen Lebensanschauungen verwoben ist.

Wie funktioniert der New City Katechismus?

Die einfachste Art und Weise den New City Katechismus zu verwenden, ist, über das Jahr verteilt jede Woche ein Frage-Antwort-Paar auswendig zu lernen. Am besten lernt es sich zu zweit, als Familie oder in einer Kleingruppe, da der Katechismus in Dialogform geschrieben ist. So kann man sich gegenseitig abfragen: zuerst einzelne Fragen, später in Blöcken von zehn, zwanzig oder mehr Fragen.

Die Bibelverse, Kommentare und Gebete, die zu den verschiedenen Fragen zusammengestellt worden sind, können z. B. an einem Tag in der Woche in der „stillen Zeit“ verwendet werden. Sie helfen dabei, das jeweilige Thema und dessen Anwendung zu durchdenken und zu reflektieren.

Als Kleingruppe könnt ihr z. B. in den ersten 5 bis 10 Minuten eine Frage besprechen und sie danach zusammen auswendig lernen. Wenn ihr euch jede Woche eine Frage vornehmt, könnt ihr den Katechismus innerhalb eines Jahres lernen. Ihr könnt den Katechismus auch in kürzerer Zeit lernen, wenn ihr jede Woche Blöcke von 5 bis 6 Fragen behandelt. Ihr fragt euch bei euren Treffen gegenseitig ab, besprecht die Frage und lest die Begleitkommentare.

Tipps zum Auswendiglernen

Es gibt verschiedene Methoden, um Texte auswendig zu lernen. Abhängig vom Lerntyp funktionieren manche Methoden vielleicht besser als andere. Einige Beispiele:

Lies dir Frage und Antwort vor. Wiederhole das immer wieder, bis du sie dir eingeprägt hast.

Lies dir Frage und Antwort vor. Versuche sie wiederzugeben, ohne hinzusehen. Wiederhole das.

Mach eine Sprachaufnahme aller Fragen und Antworten aus Teil 1 (danach Teil 2 und später Teil 3) und höre sie dir an, wenn du Sport machst, Hausarbeit erledigst usw.

Notiere dir Fragen und Antworten auf Zettel und klebe sie an Orte, wo du oft vorbeikommst oder hinschaust. Lies dir die Zettel jedes Mal vor, wenn du sie siehst.

Schreibe dir Karteikarten mit der Frage auf einer Seite und der Antwort auf der anderen und frage dich damit selbst ab.

Schreibe die Fragen und Antworten mehrfach ab. Das Aufschreiben kann dir helfen, dir den Text einzuprägen.

Übe die Fragen und Antworten so oft wie möglich mit einem Lernpartner.

Eine biblische Praxis

Paulus schreibt in seinem Brief an die Galater: „Wer im Wort unterrichtet wird, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allen Gütern!“ (Gal 6,6). Das griechische Wort für „wer unterrichtet wird“ ist katechoumenos – eine Person, die „katechisiert“ wird. Mit anderen Worten: Paulus spricht von der gesamten christlichen Lehre (dem „Katechismus“), die den Galatern von einem Lehrer (dem „Katecheten“) beigebracht wurde. Die Formulierung „alle Güter“ umfasst auch die finanzielle Unterstützung. Vor diesem Hintergrund gewinnt das griechische Wort koinoneo („Anteil nehmen“, „Gemeinschaft haben“) noch einmal an Bedeutung. Das Gehalt eines Lehrers der Gemeinde wird nicht nur als Bezahlung, sondern als Gemeinschaft verstanden. Die Katechese soll nicht einfach ein weiterer Dienst sein, der bezahlt werden muss. Sie soll eine reiche Gemeinschaft untereinander bewirken, in der wir die Gaben, die Gott uns geschenkt hat, bereitwillig miteinander teilen.

Wenn wir diese biblische Praxis in unseren Gemeinden wiederbeleben, werden wir erleben, wie „das Wort Christi reichlich unter uns wohnen“ wird (Kolosser 3,16). Denn durch die Katechese wird Gottes Wahrheit tief im Herzen verwurzelt, sodass unser Denken von Kindheit an in biblischen Kategorien geschieht.

Meine Frau und ich haben, als unser Sohn Jonathan noch klein war, angefangen mit ihm einen Kinderkatechismus auswendig zu lernen. In der Anfangszeit haben wir mit ihm nur die ersten drei Fragen wiederholt.

Frage 1: Wer hat dich geschaffen?
Antwort: Gott.

Frage 2: Was hat Gott sonst noch erschaffen?
Antwort: Gott hat alle Dinge geschaffen.

Frage 3: Warum hat Gott dich und alle Dinge erschaffen?
Antwort: Zu seiner eigenen Ehre.

Einmal hat Kathy Jonathan bei unserer Babysitterin abgegeben. Als er länger aus dem Fenster schaute, fragte die Babysitterin: „Worüber denkst du nach?“ „Gott“, antwortete er. Überrascht fragte sie ihn, worüber er genau nachdenke. Er schaute sie an und antwortete: „Darüber, dass er alle Dinge zu seiner eigenen Ehre erschaffen hat.“ Sie dachte, sie hätte einen geistlichen Giganten vor sich! Ein kleiner Junge, der aus dem Fenster schaut und über Gottes Herrlichkeit in der Schöpfung nachsinnt!

In Wirklichkeit hatte sie einfach nur das Frage-Antwort-Muster in ihm ausgelöst. Er hatte die Antwort aus dem Katechismus gegeben. Er hatte höchstwahrscheinlich keinen blassen Schimmer davon, was Gottes Ehre oder Gottes Herrlichkeit war. Doch dieses Konzept hatte bereits Wurzeln im Kopf und im Herzen geschlagen. Im Laufe der Jahre verstand er mehr und mehr, was damit gemeint war, und brachte seine neuen Erkenntnisse, das Gelernte und seine Erlebnisse mit Gottes Herrlichkeit in Verbindung.

Der amerikanische Theologe Archibald Alexander verglich die Katechese mit Feuerholz in einem Kamin. Ohne Feuer – ohne den Geist Gottes – kann das Feuerholz keine warmen Flammen entfachen. Doch ohne Brennmaterial kann es auch kein Feuer geben und diese Rolle hat die Katechese.

Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe

Im Jahr 2017 haben wir eine deutsche Übersetzung des New City Katechismus als Booklet veröffentlicht. Die Ausgabe ist bei uns in so großen Mengen bestellt worden, dass wir selbst überrascht wurden. Deshalb haben wir uns entschieden, im Jahr 2019 auch das Buch zum New City Katechismus zu veröffentlichen. Nun freuen wir uns sehr, auch die Apps für Smartphones und die Internetseite anbieten zu dürfen.

Wir freuen uns über dieses Interesse, zeigt es doch an, dass Gemeinden, Familien und einzelne Christen sich mit den Hauptlehren des christlichen Glaubens beschäftigen und diese sogar auswendig lernen. Eine Gepflogenheit, die leider sehr in Vergessenheit geraten ist. Wir sind der Auffassung, dass bereits Kinder und Jugendliche mit dem Durchdenken und Erlernen der christlichen Lehre beginnen sollten.

Wir danken dem Crossway Verlag, der Gospel Coalition und der Redeemer Presbyterian Church für die freundliche Genehmigung, eine deutsche Ausgabe des New City Katechismus herausgeben zu dürfen. All jenen, die an der Umsetzung der Apps und Internetseite mitgewirkt haben, allen voran David Suppiger, möchten wir ebenfalls unseren Dank aussprechen.

Wir wünschen dem New City Katechismus eine wachsende Verbreitung und hoffen, dass mehr und mehr Menschen dazu angeregt werden, die Wahrheiten des christlichen Glaubens zu bedenken, zu erlernen und zu glauben.

Ron Kubsch

Evangelium21


1. Gary Parrett and J. I. Packer, Grounded in the Gospel: Building Believers the Old-Fashioned Way (Grand Rapids, MI: Baker, 2010), 16.